Früher hatte der einzig wahre amerikanische Sportwagen den Ruf, nur über eine brachiale Längsdynamik zu verfügen. Die Corvette C7 Stingray zeigt, dass es inzwischen auch ganz anders geht.

Foto: Dr. Marc Zerahn

Camaro, Charger oder Mustang gelten zu Recht als potente Sportwagen, aber ein Image wie ein Testosteron-Container hat nur die Corvette. Die siebte Generation der US-Ikone bietet allerhand Neuigkeiten.

Die Amerikaner sind bekannt für ihre Vorlieben, Burger und Muscelcars. Die “Stingray” , der amerikanische Stachlrochen verfügt allerdings genauso wie der Burger über eine weltweite fangemeinde. Der erstmals 1962 verwendete Beiname der Corvette ist seit 2014 wieder fest in der Bezeichnung integriert und scheint dem Zweisitzer zum Nimbus des Gefährlichen zu verhelfen. Dabei ist der Stachelrochen ein ganz verträgliches Wesen – ebenso wie die Corvette. Bei uns ist sie mit dem Basis-Paket unterwegs, was von Hause aus schon eine unglaubliche Perfomance mitbringt und nicht unbedingt schlechter als mit optionalem Z51 agiert.

Die typischen Proportionen sind in der C7-Generation erhalten geblieben, nur kantiger und damit noch aggressiver ist die Optik geworden. Gegenüber dem Vorgängermodell ist die Vette geringfügig länger, schmaler und flacher, der Radstand vergrößerte sich um zwei Zentimeter und würde mit 2,71 Metern sogar für eine viertürige Limousine reichen. Das steil aufragende Heck ist mit eckigen, an ein Flügelprofil erinnernden Rückleuchten versehen, die nun in einem seltsamen Kontrast zu den nach wie vor runden Auspuff-Endrohren stehen.

Das Cockpit ist spürbar aufgewertet, kaum noch Plastik, dafür die Wahl zwischen diversen Trimms einschließlich Karbon, Alcantara und Leder. Stand zuvor die Mittelkonsole mit dem darunter liegenden Transaxle-Tunnel noch wie eine betonierte Trennwand zwischen Fahrer und Beifahrer, so ist die neue asymmetrische Innenarchitektur klar auf die Person ausgerichtet, die Schlüssel und Lenkrad fest in der Hand hält. Die bogenförmige Einfassung reicht bis zum Polster des Beifahrersitzes und lässt wie in eine geöffnete Schale blicken, in der die Informations- und Steuerungs-Einheiten zusammen gefasst sind. Vieles ist modernisiert im Innenraum, aber die Tasten für die elektromagnetischen Türschlösser sind erhalten geblieben. Sie sind zwar nicht besonders bedienungsfreundlich, gehören aber nun mal zu den Eigenheiten dieses Zweisitzers. Wenn die Elektrik mal ausfällt, hilft der mechanische Öffnungshebel im Fußraum.

Foto: Guido Strauss | automedien.de

Wenn der Startknopf den 376 Kubik-Inch großen Achtzylinder weckt, könnten selbst eingefleischte Elektromobilitäts-Prediger vom Glauben abfallen. Der Sound ist zum Niederknien und nach der ersten Tunnel-Durchfahrt möchte man am liebsten alle Autobahnen überdachen lassen. Das fette Bollern im Zusammenspiel mit dem durchschlagenden Schub, den die Gashebelbewegung entfesselt, machen die typische Faszination dieses Muscle-Cars aus, die so nur wenige andere Sportwagen bieten können. In der Nachbarschaft jedenfalls macht man sich mit der c7 keine Freunde, morgens um 7 Uhr… Beim Anlassen…

Der hinter der Vorderachse montierte “Small Block” bringt nicht viel Gewicht auf die Lenkung, weshalb der Wagen entspannt zu chauffieren ist und auch bei scharfer Kurvenfahrt neutral und spurtreu bleibt. Das mit 36 Zentimetern Durchmesser sehr kleine Lenkrad behindert nicht das Gefühl permanenter und präziser Kontrolle, die 16 Millimeter breitere Spur vorn ist dem gewiss nicht hinderlich. Ausgeprägter Sportgeist bestimmt die Performance des manuellen 7-Gang-Getriebes in den Gängen eins bis sechs, gezähmte Wildheit an der Hinterachse bieten die Sportmodi. Von 0 auf 100 km/h gehts in respektablen 4,1 Sekunden. Der siebte Gang ist sehr lang übersetzt, weshalb er dem Cruisen vorbehalten ist. Die Höchstgeschwindigkeit von 290 km/h wird nur im sechsten Gang erreicht.

Foto: Guido Strauss | automedien.de

Noch ein Blick auf die Wirtschaftlichkeit: Wer 6,2 Liter Hubraum für politisch unkorrekt erklärt, dem ist schwer zu widersprechen. Der Testverbrauch von 13,8 Litern (nach EU-Norm 12,2 l/100 km) offenbart, dass man mit dieser Spritmenge zwei Kompaktwagen über die gleiche Strecke hätte bewegen können. Wer zaghaft mit dem Gaspedal umgeht, kommt auch mit 8,5 Liter aus, fragt sich nur, macht das Spaß? Besitzer und Nutzer einer Corvette machen aber eine andere Rechnung auf: Für einen deutschen oder italienischen Sportwagen mit gleichem Leistungslevel hätten sie weit mehr als 100.000 Euro ausgeben müssen. Für das gesparte Geld können sie sich eine Menge zusätzlicher Tankfüllungen leisten – die allerdings mit 70 Litern auch nicht gerade üppig bemessen ist.

Aber wenn wir gerade beim Finanziellen sind, kommen wir doch mal zur Ausstattung und den so genannten Extras sind, die hier nicht “extra”, sondern “all inklusive” sind: Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Bose-Soundsystem, Head-Up-Display (bei Corvette übrigens schon seit 1997), beheiz- und kühlbare Sitze mit elektrischer Verstellung und Memory-Funktion und automatisch abblendbare Außenspiegel. Wer auf diese Details, Motor- und Fahrleistungen guckt, kann eigentlich nur zu einem Ergebnis kommen: Die 79.500 € dafür sind ein Schnäppchen.

Bericht: Guido Strauss/Fotos: Theresa Weinand/Marc Zehran (Drohnenbilder)