Das Chevrolet Camaro V8 Cabrio gegen den McLaren 720S Spider – eigentlich ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Und obwohl jeder ein Objekt der Begierde für sich alleine darstellt, gibt es einiges an Gemeinsamkeiten. Aber auch Kontroversen.

Foto: Guido Strauss | automedien.de

Würde man bei diesem Vergleich Punkte für die automobile Historie vergeben, könnte das Chevrolet Camaro Cabrio bereits den ersten auf der Habenseite verbuchen. Seine Wurzeln gehen zurück bis ins Jahr 1966. Dagegen wirkt der 720S Spider von McLaren wie ein Jungspund. Sein Ursprung befindet sich gut gemeint Anno 2011 auf Basis des ersten echten eigenen McLaren-Serienfahrzeuges, dem MP4-12C. Ab dieser Zeitrechnung waren weder Mercedes-Benz noch BMW in die Fahrzeugentwicklungen involviert.

Doch wir befinden uns im Hier und Jetzt, und das ist relevant. Bevor wir die Technik vergleichen, blicken wir auf die Preise unserer beiden Boliden. Diesbezüglich ist der Camaro ein absolutes Schnäppchen, während der McLaren in den Sphären der schwer erschwinglichen Traumwagen rangiert. Chevrolet offeriert sein offenes Fahrvergnügen für 57.600,- Euro, wobei es bei den Briten schon in den etwas höheren 6-stelligen Bereich abdriftet. Ab 273.000,- Euro darf man den 720S Spider sein eigen nennen. Ab…, denn im Gegensatz zum Dumpingpreis-Ami, der als Sonderausstattung die Farbe „Hyper Blue Metallic“ und die Recaro Performance-Schalensitze für gesamt 1.900,- Euro in der Preisliste aufführt, lässt sich der Fahrzeugpreis des McLaren mit seinem Zubehör und den Individualisierungsoptionen locker über 400.000,- Euro schrauben. Wobei beide von der Basis her schon optimal ausgestattet sind.

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Dieser preisliche Spagat ist aber irgendwie unbedeutend, denn jeder der beiden bietet genau den Fahrspaß und das offene Vergnügen, das die jeweilige Klientel erwartet.

Den Satz des altehrwürdigen VW-Tuners Gerhard Oettinger „Hubraum ist durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Hubraum“ beherzigen die Amis schon seit Jahrzehnten. Aktuell arbeiten 6.162 ccm verteilt auf acht Zylinder mit einer Leistungsausbeute von 333 kW/453 PS unter der langen Motorhaube. In Verbindung mit der 8-Gang-Automatik werden so bärenstarke 617 Nm Drehmoment an die Hinterachse weitergegeben.

Diese Kombination und das Leergewicht von 1.769 kg sorgen dafür, dass die Fuhre in 4,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt. In dieser Preisklasse finden sich kaum adäquate Gegner.

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Bei McLaren setzt man ebenfalls auf Hubraum, allerdings ist das Ziel ein anderes. Während der Camaro mehr den sportlichen Cruiser gibt, präsentiert sich der 720S Spider als waschechter Supersportwagen, der in seiner Klasse momentan wohl als das Maß aller Dinge gilt. Leichtbau heißt das Zauberwort, mit dem Beschleunigungsorgien und fahrerische Glanzpunkte gesetzt werden können. Sein V8 kann zwar nur 2/3 des Camaro-Volumens vorweisen, aber der 4-Liter darf dafür durch zwei Turbolader herzhaft aus dem Vollen schöpfen.
Aus dem Vollen bedeuten 530 kW/720 PS, brachiale 770 Nm Drehmoment und Beschleunigungsbereiche jenseits von Gut und Böse. Die stammtischdiskussionswürdige 100er-Marke wird nach 2,9 Sekunden erreicht, die 200er nach insgesamt 7,4 Sekunden und den Ritterschlag gibt es bei den magischen 300 Stundenkilometer. Die knackt der 720S Spider in unglaublichen 19,2 Sekunden. Hier sei nur nebenbei erwähnt, dass sich der stärkste Serienporsche, der 911 GT2 RS hier für vier Sekunden mehr Zeit lässt.
Beim Mäc ist das Gesamtpaket für soviel Agilität verantwortlich, denn bei einem Leergewicht von 1.332 kg hat die brutale Power leichtes Spiel.

Beide Spaßmobile besitzen einen weiteren Faktor, der sie so beliebt macht. Der Sound. Ein V8 ohne passendes Klangkonzert würde Sinn machen wie ein kastrierter Deckhengst. Hier widerum gibt der Chevy den Ton an. Im Sportmodus und mit geöffneten Klappen bollert die Vier-Rohr-Anlage wie man es von einem Ami erwartet. Tief und böse grollt der Donner schon bei niedrigen Drehzahlen unter dem Wagen vom Krümmer bis zum Heck.

Die doppelflutige Klappenanlage im McLaren, die keck über dem Nummerschild herausragt, nimmt dagegen den kurzen Weg vom Mittelmotor in Richtung Freiheit. Hier spielt die Drehzahl die Musik, von dunkel bis schrill reicht das Repertoire, bedingt durch die Kurbelwelle mit 180 Grad Hubzapfenversatz erzeugt der 720 S Spider mehr einen zornigen aber rennwagenmäßigen Klang. Ebenso wie beim Camaro passt dieser perfekt zum Gesamtauftritt.

Das Fahrverhalten. Hier trennen die zwei Hecktriebler Welten. Bauartbedingt neigen beide logischerweise zum Übersteuern, der Camaro ist durch seinen Frontmotor auf der Hinterachse deutlich leichter und kommt Dank der elektronischen Helferlein kontrolliert mit dem Heck. Der McLaren dagegen hat sein Motorgewicht kurz vor der Antriebsachse liegen und lässt sich sprichwörtlich mit dem Gaspedal lenken. Im Gegensatz zum Amerikaner suggeriert der Brite seinem Piloten die volle Beherrschung über den Wagen. Mit abgeschalteter Traktionskontrolle kommt das Hinterteil auf Kommando und zeigt in den Außenspiegeln mit den sich in Rauch auflösenden 305/30ZR20er Hinterreifen wie der aktuelle Quertreiber-Status ist. Doch das ist nur der Anfang.

McLaren ist nämlich bekannt dafür, dass sich die Ingenieure immer irgendwelche Gimmicks für ihre Fahrzeuge einfallen lassen. In diesem Fall nennt sich das Pläsier-Feature Variable Drift Control und funktioniert in etwa wie die stufenweise einstellbare Traktionskontrolle im Mercedes-AMG GT R. Ist das ESP im Dynamik-Modus, kann der Fahrer über ein Menü auf dem Infotainment-Bildschirm per Wisch-Bewegung einstellen, wie viel Driftwinkel der 720S Spider gestatten soll. Anschließend darf unter der Aufsicht einer elektronischen Nanny hemmungslos quer gefahren werden. Wenig Balken auf dem Display bedeuten: Leichte, spaßig-rutschige Poposchwenker am Kurvenausgang. Wischt man einmal nach rechts, bis alle Balken erscheinen, lässt der McLaren wirklich verblüffend schräge Winkel durchgehen. Selbstverständlich kann man auch alles an Stabilitäts- und Traktionselektronik komplett ausschalten und die Straße wie mit einem fetten Edding bemalen. Aber wenn schon, dann bitte auf abgesperrten Strecken.

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Dem Camaro sind solche Spielchen fremd, er hat zwar auch genügend Power, um dem Asphalt einen neuen Anstrich zu verpassen, allerdings geht das deutlich gesitteter. Warum auch, er ist der geborene Cruiser, vermittelt mit geöffnetem Stoffverdeck das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Und etwas mehr Alltagstauglichkeit, wenngleich sein Kofferraumvolumen mit 287 bis 328 Liter nicht gerade zum Großeinkauf einlädt, so passen doch zusätzlich zwei weitere Passagiere in den Fond, oder ein großer Shoppingkorb. Diesbezüglich gibt er sich etwas variabler.

Auch was den Sitzkomfort angeht, bevorzugen die Amis mehr Polster im verlängerten Rückenbereich. Die optionalen Recaros sind ein angenehmer Kompromiss, zum einen bieten sie wunderbaren Seitenhalt, zum anderen absorbieren sie die restlichen Steißbeinhiebe, die das Fahrwerk gelegentlich verteilt.

Und wie schauts aus in Punkto Negativbeschleunigung? Der McLaren schafft 341 km/h, erreicht wird diese im 6. Gang. Wer schnell beschleunigt, muss auch gut bremsen können. Dabei hilft der Heckflügel, der sich richtig «in den Wind» stellt. So stoppt der Brite aus 200 km/h schon nach 4,6 Sekunden oder nach 117 Metern. Aus 100 km/h sind es im wahrsten Sinne atemberaubende 33,2 m.

Der Camaro ist mit 290 km/h in der Spitze ebenfalls nicht ohne. Seine 4-Kolben-Bremboanlage verzögert von 190 auf Null über 126 m, und von 100 bis zum Stillstand benötigt er ebenfalls sehr gute 35,1 m.

Bei unserem Vergleichstest einen Sieger und einen Verlierer zu küren wäre bei diesen beiden ausgesprochen unfair, dafür sind sie von ihrem jeweiligen Konzept her zu grundverschieden. Uns ging es einfach mal darum, zwei nicht alltägliche Spaßautos gegenüber zustellen und sie zu vergleichen.

Der eine ist unschlagbar was das Preis-Leistungsverhältnis betrifft, dafür repräsentiert der andere das Non-Plus-Ultra in Sachen Sportlichkeit und Fahr-Performance. Der Ami hat mehr Durst als der Brite, dafür bietet er das bessere Klangerlebnis. Der Sound des 6.3-Liter Saugers verursacht ein wenig mehr Gänsehaut als der High-Tech-Klang des 4-Liter Biturbos. Trotzdem sorgen beide für breites Grinsen beim Vorbeifahren.

Mit seinen Formen bietet der McLaren eine gewisse automobile Erotik wohin gegen sein Kontrahent den Anschein erweckt, frisch aus der Muckibude zu kommen. Alles reine Geschmackssache.

Fazit: In Sachen Alltagstauglichkeit sind sie gemeinsam grenzwertig, aber im Toleranzbereich. Man verzeiht ihnen einiges, denn sie bieten einem verdammt viel fürs Geld. Den Camaro und den Big Mäc vereint aber eines: den puren Spaß am Automobil und am Offenfahren.

Die Daten in der Übersicht:

Chevrolet Camaro V8 Cabriolet
Hubraum 6.162 ccm
Leistung 333 kw/453 PS
Max. Drehmoment: 617 Nm/4.600 min
8-Gang-Automatik
0-100 km/h in 4,6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Testverbrauch: 16,3 Liter Super
CO2-Emission komb. 260 g/km
Grundpreis 57.600,- Euro
Preis Testwagen 59.500,- Euro

McLaren 720S Spider
Hubraum 3.994 ccm
Leistung 530 kw/720 PS
Max. Drehmoment: 770 Nm/5.500 min
7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
0-100 km/h in 2,9 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 341 km/h
Testverbrauch: 14,6 Liter Super
CO2-Emission komb. 249 g/km
Grundpreis 273.000,- Euro
Preis Testwagen 349.080,- Euro
Bericht/Fotos: Guido Strauss/Theresa Weinand